Eine von Zehntausend

In der Falle

~irgendwann im Oktober 2016~

Mein Herz klopft in meiner Brust. So laut und stark pumpt es das Blut durch meine Adern. So als wollte es sagen, „ich bin noch hier!“. Als wollte es mir beweisen, dass es noch nicht zu Ende ist. Das hier ist nicht das Ende.

     „Sieh genau hin!“

     Und meine Augen fokussieren die zitternden Hände vor ihnen, als würden sie nicht zu ihnen gehören. Als wären sie nicht ein Teil dieses Systems, dass sich mein Körper nennt. Und die Wut kocht in mir hoch. Wut auf die Kraftlosigkeit, die mich überhaupt erst in diese Situation gebracht hat.

     Ich sitze auf der Toilette eines Schnellrestaurants.

     Ich musste sie benutzen, sonst wäre ich nicht gegangen.

     Als ich sie gesehen hatte, wusste ich schon, dass es Probleme geben würde. Sie ist niedrig. Es gibt keinerlei Möglichkeit sich an der Wand irgendwo abzustützen. Die Tür viel zu nah. Keine Möglichkeit die Hebelwirkung zu nutzen, wenn man zum Aufstehen weit nach vorne ausholt. Und ein weiteres Mal finde ich mich in einer Situation wieder, in der ich meinen Körper verfluche.

     Es war erst ein Versuch, probiere ich mich verzweifelt zu beruhigen. Mein Kopf weiß, dass es keinen Grund für diesen Aufruhr in mir gibt. Mein Kopf weiß, dass da draußen Leben ist. Dass es dort Menschen gibt, die mir aufhelfen könnten. Die zur Not auch Hilfe holen könnten. Doch meine Sinne sind an dieser lapidaren Ausflucht nicht interessiert. Hier und jetzt geht es um das nackte Überleben.

     Also pumpt mein Herz das Blut durch meine Adern. Schießt Adrenalin durch meine Venen. Ist mein Verstand ausgeschaltet und es herrscht die reine Natur in meinem Körper.

     Einatmen.

     Ausatmen.

     Ich versuche es noch einmal.

     Hände auf die Oberschenkel.

     Nach vorne beugen.

     Die Füße leicht versetzt, aber weit auseinander für einen sicheren Stand.

     Einatmen.

     Ausatmen.

     Und ich hebe mich von der Erde ab.

     Oder drücke ich sie von mir weg?

     Ich spüre, wie der Widerstand in meinen Muskeln kämpft. Sie wollen, dass ich bezwungen werde. Sie wollen mich am Boden sehen. Sie wollen, dass ich nicht mehr hochkomme. Sie wollen, mich hier unten halten. Doch ich siege. Dieses Mal. Ich überwinde den Punkt, der ins Bodenlose führt und hebe mich selbst krampfhaft hoch, bis ich den Rest des Weges in die Höhe gegen die Wand gestützt beenden kann.

     Meine Stirn lege ich gegen die kalten Fliesen.

     Es ist geschafft. Ich habe es geschafft. Ich habe gewonnen.

     Doch ich jubiliere nicht. Denn das hier ist kein Gewinn. Es ist ein Verlust auf Raten. Jedes Mal ein Stück mehr. Und so beiße ich voller Selbsthass die Zähne zusammen und wische trotzig die Tränen in meinen Augen weg. Hier ist nicht der richtige Ort. Dies ist nicht die richtige Zeit.

Ich bin fünfunddreißig.

Gefangen in einem kranken Körper.     

Und das hier, ist ein erstes Date.

Alles in allem

~Samstag, 07.10.2017~

Wie erklärt man einem anderen Menschen in kurzen wenigen Sätzen etwas, dass ein Leben lang gebraucht hat um zu wachsen? Etwas, das ganze Bücher füllen könnte? Ich tue mich immer sehr schwer mit der Antwort auf die Frage:

     »Was hast Du denn?«

     Oder dem Klassiker:

     »Wie geht’s Dir so?«

     Aus genau drei Gründen.

     Zum einen habe ich mich selbst auf dem Weg durch mein Leben an irgendeiner Stelle zur radikalen Ehrlichkeit verpflichtet. Zudem dauert die Antwort auf diese Frage immer ziemlich lang, was die Aufmerksamkeitsspanne meines Gegenübers in der Regel vollkommen überfordert. Und zum Schluss bin ich sehr empathisch. Ich merke sofort, wenn es jemanden eigentlich gar nicht interessiert und die Frage rein aus Höflichkeit gestellt wurde. Wie man das eben so macht. Und bei meinen ausführlichem Bericht dann schon nach den ersten Worten das Ende meiner Antwort herbei sehnt.

     Unsere Welt ist so furchtbar schnell und oberflächlich geworden. Menschen mit Handicap gehen hier oft unter. Und doch sind sie die Superhelden, wenn man mal aus meinem Blickwinkel auf die Welt schaut. Und nicht, dass Du mich jetzt falsch verstehst ich spreche gar nicht unbedingt von mir.

     Nein.

     Es gibt Menschen, die viel mehr Schmerz ertragen haben als ich. Menschen, die es noch besser hinbekommen nicht den Mut zu verlieren oder aufzugeben. Gäbe es eine Auszeichnung für diese Form der Leistung, ich hätte ein paar Anwärter im Auge, die diesen Preis mehr als eindeutig verdient hätten.

     Das ist auch der Grund, warum ich sehr lange gezögert habe, diese Zeilen auf Papier zu bringen. Denn eines haben wir kranken Menschen (aus meiner Sicht) alle gemein. Wir alle meinen, anderen ginge es sowieso noch viel schlimmer. Wir sind eben ein Volk voller Demut und Respekt vor anderen, weil wir ihn selbst so dringend brauchen.

     Aber ich komme vom eigentlichen Thema ab. Denn schließlich soll das ganze Drama nicht erst im letzten Kapitel gelüftet werden. Ich hoffe sehr, dass es an der Stelle anderes zu berichten geben wird.

     Hoffnung.

     Ein starker Verbündeter.

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