Offene Worte in Sachen Corona

Heute am Donnerstag, den 09.04.2020 stehen wir einen Tag vor dem Osterwochenende. Heute sollte ich eigentlich schweren Herzens dem Ende meines ersten Urlaubes in diesem Jahr entgegen sehen. Denn eigentlich, bin ich seit Montag in Zeeland. Der Heimat meines Herzens. Eigentlich…

Wir haben Corona! Und alles ist anders…

Wahrheit ist besser als Halbwissen.

Ich habe von Frau Merkel bislang nur mäßig viel gehalten (Sorry dafür!). Aber diese aktuelle Krise meistert sie hervorragend. Leider ist Corona ein Non-Stop-Thema geworden. Überall hört man davon, überall spricht man darüber. Als Risikopatientin sehe ich die Dinge zur Thematik oftmals deutlich anders, als viele andere. Das ist schwierig. Anders, weil es mich direkt betrifft. Und anders, weil es so viele Menschen betrifft, die mir nah stehen und die wertvoll für mich sind.

Ich leide an Morbus Pompe. Eine seltene Krankheit, die unter anderem zu einer Einschränkung der Lungenfunktion (vor allem beim Zwerchfell) führt. Gerade im unteren Lungenbereich habe ich durch die Krankheit Probleme. Probleme, die im „normalen“ Alltag im Moment nur wenig zum Vorschein kommen. Aber ich muss bspw. beatmet werden, wenn ich liege, da mein Zwerchfell zu schwach ist, diese Atmung zu übernehmen. Sollte ich mich mit Corona anstecken, ist die Gefahr sehr hoch, dass ich das nicht überleben werde. Corona greift vor allem die Lunge an. Meine Lunge würde diesen Angriff jedoch vermutlich nicht abwehren können, da ihr schlichtweg die Kraft fehlt, sie eh schon geschwächt ist durch die Krankheit.

Daher schütze ich mich so gut ich kann. Ich gehe nur noch selten aus dem Haus und wenn, trage ich dabei immer eine Atemschutzmaske. Ungeachtet der Blicke voller Unverständnis, die man mir dabei zuwirft. Alle Lebensmittel, die meine allerliebste Nachbarin für mich einkauft und mir vor die Tür stellt, wasche ich heiß ab. Andere Dinge stelle ich zunächst für einen langen Zeitraum beiseite. Ich weiß, dass die Krankheit über Oberflächen nicht weitergegeben werden kann, trotzdem will ich sicher gehen.

Ich treffe keine Menschen mehr persönlich. Keine Freunde. Keine Familie. Keine Kollegen. Nur das Nötigste wird noch außer Haus erledigt. So gehe ich noch zu meinen Infusionsterminen und bin dankbar, dass das noch geht. Viele andere haben da weniger Glück. Weil es mir Lebenszeit schenkt. Auch wenn ich damit gleichzeitig die Gefahr eingehe, auf dem Weg und / oder in der Klinik kranken Menschen zu begegnen und mich im schlimmsten Fall anzustecken.

Warum schreibe ich das alles?

Ich bin eine von den Menschen, für die Ihr zu Hause bleiben müsst. Ich bin einer der Gründe, warum die Bundesregierung mit allen Mitteln versucht die Infektionskurve so gering wie möglich zu halten. Nicht nur, damit ich mich nicht anstecke. Sondern auch, damit – sollte ich mich angesteckt haben – kein Arzt entscheiden muss, dass ich keine Hilfe mehr bekomme, weil meine Lebenserwartung niedriger ist, als die von dem anderen Corona Patienten, der neben mir steht und der deshalb den Platz auf der Intensivstation bekommt.

Also Danke!

Danke, dass Ihr zu Hause bleibt! Trotz des schönen Wetters. Und trotz der Decke, die Euch auf den Kopf fällt. Danke, dass Ihr Rücksicht nehmt. Dass Ihr Abstand haltet. Dass Ihr diese ganzen Einschränkungen auf Euch nehmt.

Und bei allem Verständnis für die Ungeduld… Ein Ende von Corona wird es wohl erst dann geben, wenn wir einen Impfstoff haben. Und das wird frühestens 2021 werden.

Ich habe in Gesprächen und bei solchen Diskussionen wie die bei der Presseveranstaltung der Bundeskanzlerin oft den Eindruck, die Gesellschaft erwartet eine Rückkehr zur „Normalität“ nach Ablauf der Osterferien. Spätestens jedoch im Mai…

Doch das wird es nicht geben. Und ich bin so froh, dass Frau Merkel auch dies in deutlicheren Worten in ihrer Ansprache gesagt hat. Es KANN vorerst keine Rückkehr zur Normalität geben. Denn Normalität wäre ein Verzicht auf Abstand. Und ein Verzicht auf Abstand würde die Zahlen der Infektionen wieder erhöhen. Und die Erhöhung der Infektionen würde zu dem führen, was wir mit den Maßnahmen bislang einigermaßen vermeiden konnten und was traurigerweise in so vielen anderen Ländern zu erschreckenden Szenen führt.

Dies ist eine Ausnahmesituation, mit der sicherlich niemand wirklich glücklich ist. Und es sie wird sehr lange anhalten. Hoffentlich nicht so lange wie die Ausnahmesituationen, die wir in Deutschland bereits erlebt und vor allem überstanden haben. Aber spart Eure Kraft. Ihr werdet sie eine ganze Weile brauchen. Auch für mich. Aber auch für alle Menschen, die in Eurem Umfeld zu den Risikopatienten gehören. Eure Eltern, Eure Großeltern, Eure Freundin die an Krebs leidet, Euer Onkel, der im Krankenhaus als Arzt arbeitet und nicht entscheiden soll welcher Patient leben und welche anderen hundert Patienten sterben sollen. An alle, die in diesen Zeiten hart kämpfen müssen.

Ich bete jeden Tag für die, die bei mir sind und bin unfassbar glücklich darüber, dass Corona sie im Augenblick noch verschont hat. Ich hoffe, dass es so bleibt.

Bleibt gesund! Und kämpft weiter. Seid ungeduldig, aber bleibt vorsichtig.

Ich hoffe, mit diesen (zu vielen) Zeilen Corona für Euch ein Gesicht zu geben. Damit es leichter wird zu verstehen, was gerade passiert. Und damit ihr klüger seid als diejenigen, die die Maßnahmen als übertrieben abwinken und lachend und schwatzend in Gruppen auf den Wiesen dieser Welt den Frühling genießen…

Ich weiß es nervt. Aber ihr rettet damit Leben. Vielleicht auch meins.

Eure Sandra

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