Jackpot

Leseprobe „Jackpot! Und alles wird anders…“

Aus Kapitel 1:

Es war bereits weit nach elf Uhr abends. Der Qualm der gefühlten hundertsten Zigarette stieg langsam von meinem Mund zur Zimmerdecke. Und mein Blick folgte ihm. Ich hatte die Beine auf den Schreibtisch gelegt und mich auf dem Stuhl zurückgelehnt. Die Arme um mich geschlungen sah ich wieder auf die Zahlen auf dem Computerbildschirm. Und da waren sie.
Noch immer.
Ich starrte auf die Internetseite meiner Bank, welche mir meine Kontodaten anzeigte. Die Zahlen lachten mich freundlich an.
Mein aktueller Kontostand lag bei 31.351.124,73 Euro.
Mir drehte sich der Magen um. Nicht zum ersten Mal am heutigen Tage. Zum Glück hatte ich ihn im Zaun halten können, bis Herr Langhaus schließlich und endlich meine Wohnung verlassen hatte. Er hatte mir einiges an Lektüre und guten Ratschlägen dagelassen. Doch sobald die Wohnungstür ins Schloss gefallen war, entließ ich meinen Mageninhalt in die Toilette. Da ich allerdings lange nichts mehr zu mir genommen hatte, hatte sich mein Magen schließlich damit abgefunden nur noch zu rumoren und zu verkrampfen.
„Heilige Scheiße.“ flüsterte ich.
Ebenfalls nicht zum ersten Mal. Ich fühlte mich vollkommen außer Stande irgendwas zu tun. Mein Körper hatte durch die Aufregungen die weiße Fahne gehisst. Und so begnügte ich mich damit, dort zu sitzen und meinen Computermonitor anzustarren, auf der verzweifelten Suche nach einem vernünftigen Gedanken.
Als mein Handy dann in die schwere Stille seine fröhliche Melodie gab, um mir mitzuteilen, dass mich jemand sprechen wollte, zuckte ich zusammen. Ich sah auf das Display. ‚Mark ruft an‘ Ich nahm den Anruf sofort entgegen und ließ ein keuchendes „Endlich.“ als Begrüßung hören.

Aus Kapitel 9:

Ich hatte in der Zeit seit meiner Abfahrt keine großen Pläne mehr gemacht. Ich hatte mich treiben und den Dingen ihren Lauf gelassen. Grundsätzlich hatte ich schon Ziele auf meiner Reise, aber der Tag in Valencia war der erste, den ich wirklich durchgeplant hatte. Und selbst da hatten wir uns irgendwie ein Stück weit treiben lassen. Ich, die sonst jeden Schritt organisiert, plant und abläuft.
War das mein Job?
Hatte der mich dazu gebracht auch mein sonstiges Leben akribisch zu planen?
Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal etwas ‚einfach gemacht‘ hatte. Ich mochte es, wenn Dinge organisiert liefen. Spontanität mit Plan. Aber es hatte mich auch immer eingeengt.
Hoppla.
Wo kam der Gedanke plötzlich her?
Aber ja, es stimmte. Wirklich frei hatte ich mich ebenfalls schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Ich funktionierte. Und diese Reise war so voller Abenteuer. War so voller neuer Dinge. Und ich hatte sie irgendwie alle geschehen lassen. Ohne, dass ich groß darüber nachgedacht hätte.
Das mit Rusty war doch das beste Beispiel. Einfach so hatte ich einen Hund mitgenommen. Schon seit Jahren hatte ich mit dem Gedanken gerungen, mir ein Haustier zuzulegen. Doch ich habe es immer wieder verschoben. Der Job. Und passt das wirklich in mein Leben? Hatte ich genug Zeit für ein Tier? Würde ich ihm gerecht?
Und dann kam Rusty. Und ich hab ihn einfach eingepackt und mitgenommen. Und ich wusste genau, egal was passieren würde. Wir würden schon eine Lösung finden. Es war jetzt nicht mehr die Frage, ob ein Hund die richtige Entscheidung war. Sondern nur, wenn das mit Rusty nicht geht, wie geht es dann anders? Dann eben nicht in die Museen der Stadt, die sicher sehenswert waren, sondern daran vorbei. Kein Problem.
Auch Eddie war ohne großes Nachdenken in meinem Bett gelandet. Ich hatte den Dingen ihren Lauf gelassen. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Jahren keine Männer getroffen hätte. Es war nur irgendwie immer der falsche Zeitpunkt oder ich hatte den Kopf voll mit anderen Dingen und wollte nur meine Ruhe. Dann hatte der eine den falschen Job, der andere die falsche Haarfarbe, der nächste nervte oder langweilte mich und dann der nächste wiederum gab mir nicht das Gefühl, ihm wichtig zu sein.
Dabei war ich eigentlich doch unkompliziert, oder?
Letztendlich war es mir egal wie er aussah, was er machte. Gut, Eddie sah unverschämt gut aus und hatte auch noch einen sehr respektablen Beruf. Aber selbst, wenn das anders wäre, ich glaube, es wäre genauso passiert, wie es passiert ist.
Wovor hatte ich mich denn gedrückt bei den anderen?
Oder kam das alles nur von dem Urlaubsgefühl?
Würde das im Alltag wieder verschwinden?
Würde ich mich darüber ärgern, Rusty mitgenommen zu haben? Würde ich bereuen, mit Eddie geschlafen zu haben? Ist all das wie das eine Kleid, das Du Dir im Urlaub holst, weil es so toll aussieht. Und zu Hause verrottet es im Schrank, weil Du es scheußlich findest und keine Ahnung hast, wie Du es im Urlaub toll finden konntest? Wo war nur die coole und abgeklärte Alex hin, der das alles nichts ausmachte. Die einfach am nächsten Morgen wieder zur Arbeit fuhr und weitermachte. Wieder abtauchte im Alltag und nicht zurückblickte.
Wann war mir das letzte Mal etwas so nahe gegangen, dass ich bereit war dafür von meinem Weg abzuweichen?
Welchen Weg hatte ich überhaupt gewählt?
Hatte ich ihn gewählt?
Und wo kamen plötzlich all diese Fragen her?
Ich brauchte Mark.
Er war nicht nur mein bester Freund. Er war wie ein Bruder für mich. Er würde mir schon sagen können, was da mit mir nicht stimmte. Er erkannte mich immer. Egal ob ich den Schmerz vor ihm zu verbergen versuchte oder ich vor Freude strahlte. Er wusste einfach immer wie es mir ging und verstand es, mich wieder in die richtige Bahn zu lenken. Ich war gespannt darauf, was er in mir sehen würde, wenn er mich ansah. Ich hatte selbst nämlich das Gefühl, mich verloren und in eine entspannte, abenteuerlustige und spontane Version meiner selbst verwandelt zu haben. Die sich zwar durch und durch richtig anfühlte. Aber doch irgendwie total fremd erschien, in den Momenten da ich darüber nachdachte. Und ich traute dem Braten nicht.
Ich fühlte mich wie ein Vogel, der sich nach vielen Jahren glücklich im Käfig plötzlich mit weit ausgebreiteten Flügeln über dem Grand Canyon wiederfand. Musste ich Angst vor dem Bussard haben, der gleich angeflogen kam und mich auffraß? Durfte ich dem Gefühl von Wind unter den Flügeln trauen? Oder wollte ich lieber wieder zurück in den sicheren Käfig?
War ich ein Adler oder ein Kanarienvogel?

Aus Kapitel 10:

Vorsprung. Und ich sah wieder geradeaus und versuchte sie einzuholen. Doch mein Blick fiel auf ein hohes Gebäude, das die vor uns liegenden Häuserreihen deutlich überragte und an dem offensichtlich gearbeitet wurde. Kräne standen um die hohen Türme herum.
„Was ist denn das?“ fragte ich Chris, als ich die beiden wieder eingeholt hatte.
„La Sagrada Familia.“ sagte Chris. „Unser nächstes Ziel.“
Über eine große Kreuzung hinweg wurde die Straße enger. Die hohen Häuser verdeckten zunächst die Sicht auf die Baustelle wieder. Doch als wir durch die Gasse gegangen waren, hatten wir freie Sicht auf die größte Baustelle, die ich je gesehen hatte. Und ich blieb stehen und staunte.
Einige hohe Türme überragten ein riesiges Gebäude. In schwindelerregender Höhe drehten Kräne ihre Kreise. Eine ganze Menge Menschen hatte sich vor dem Gebäude versammelt. Und so beeilte ich mich, die beiden Jungs wieder einzuholen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
Chris führte uns auf die der Kirche gegenüberliegende Straßenseite und sagte „Hier ist einer der Eingänge. Schaut es Euch kurz an, dann gehen wir noch ein Stück weiter. Wir benutzen einen anderen Eingang.“
Stufen führten zu einem erhöhten Podest und zum Eingang. Eddie nahm mir amüsiert die Leine von Rusty aus der Hand und ich hatte damit beide Hände frei, um das Gebäude zu fotografieren. Mit jedem Klick entdeckte ich neue Kleinigkeiten an den Wänden, Zinnen und Einbuchtungen.
Nachdem mein Finger wieder ruhiger wurde am Auslöser, sagte Chris: „Kommt, wir gehen um die Ecke. Da ist ein kleiner Park und der andere Eingang.“


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