Das Blumentattoo

Leseprobe „Das Blumentattoo“

Aus Kapitel 1:

Fuchs lenkte den Wagen auf einen kleinen Parkplatz, auf dem Wagen an Wagen stand und der dem Andrang nicht gewachsen zu sein schien. Verschiedene Fahrzeuge der Polizeieinheiten und die schwarzen Wagen der kriminaltechnischen Untersuchungseinheit, mit großen weißen Buchstaben KTU an der Seite, standen dichtgedrängt im Regen.
„Hier ist ja ganz schön was los.“
Hans drückte den Knopf seines Gurtes, der mit einem leisen Surren wieder in die Verankerung verschwand.
„Ja.“
Die bedrückte Stimme seines Kollegen ließ ihn innehalten.
„Lange Nacht?“ fragte Hans.
Er nickte zaghaft und starrte ins Leere.
„Was halten Sie davon, wenn Sie im Wagen warten. Ich werde den Kommissionsleiter schon finden.“
„Kriminaloberrat Michael Krause“ sagte Fuchs.
„Ja, ich weiß, er hat mich angerufen.“
Hans stieg aus. Wenn der Chef der Kriminalpolizei höchstpersönlich an einem Tatort anwesend war, war das sicher kein gutes Zeichen. Und bei dem Gesichtsausdruck des Kollegen, wappnete sich Hans mit dem letzten Rest seines Kaffees für einen langen und harten Tag.
Er folgte den Geräuschen aus dem Wald und traf bald auf die Absperrung mit Flatterband. Dem Kollegen, der Wache hielt, zeigte er nur kurz seinen Ausweis und er ließ ihn durch. Über eine groß verteilte Fläche waren sehr viele Kollegen emsig am Werk. Mehrere grüne Pavillons waren auf einer Fläche von ein paar hundert Quadratmetern aufgebaut. Etwas erhöht stand eine Art Zelt. Michael stand darunter und besprach sich hektisch mit anderen Kollegen.
Als Hans näher kam, hörte er noch einige Wortfetzen, die für ihn vorerst keinen Sinn ergaben. Das Gespräch erstarb, als er angekommen war.
„Guten Morgen. Was haben wir?“
Er warf einen Blick auf die Fotos und Berichte, die wild verstreut auf einem Tisch lagen.
„Guten Morgen, Hans.“
Er zeigte zu dem Herrn mit dem er sich soeben noch unterhalten hatte. „Du kennst sicher Herrn Professor Doktor Klinge?“
Hans reichte dem Leiter der Forensik die Hand.
„Ja, wir hatten schon ein oder zwei Mal das Vergnügen.“
„Guten Morgen.“ grüßte ihn der Professor.
„Okay, wollen wir?“ fragte Michael und setzte sich augenblicklich in Bewegung.
Zu dritt traten sie unter dem Zelt hervor. Sogleich benetzte sie der feine Regen, der den Weg durch die Bäume fand.
„Also, gestern Abend meldeten Bauarbeiter einen Leichenfund.“ Michael zeigte auf einen stillstehenden Bagger.
„Ein paar Kollegen und Mitarbeiter von der Spurensicherung kamen her, um alles aufzunehmen.“
Ihre Schritte wurden abgefedert von dem dicken Blätterteppich, der sich auf den Boden gelegt hatte. Ein leises Rascheln erhob sich durch jeden ihrer Schritte.
„Sie fanden ein männliches Skelett.“
„Ein Junge.“ schaltete sich jetzt der Professor ein. „Etwa vierzehn Jahre alt. Genaueres erst nach der Obduktion.“
„Die Leiche ist noch hier?“ fragte Hans verdutzt.
„Ja, das ist sie.“ seufzte Krause. „Weil sie noch mehr gefunden haben.“
Sie hielten vor einer Art Grube, vor der der Bagger stand. Die Schaufel hatte sich ins Erdreich geschoben und in dem Sand, den er hätte ausheben sollen, lagen die Überreste des Jungen. Die Kleidung war größtenteils verrottet. Von seinem Körper war nur noch das Skelett übrig. Den Rest hatte sich die Natur bereits geholt. Eine Jeansjacke lag ein Stück abseits, sie fiel Hans sofort ins Auge.
„Die gehört nicht zur Leiche.“ stellte er fest.
Sie war einige Nummern größer als der Torso des Jungen.
Michael seufzte und kratzte sich am Hinterkopf.
„In der Tat. Das haben die Kollegen auch erkannt und Verstärkung angefordert.“
Der Regen prasselte auf das Dach des Pavillons, den man zum Schutz aufgestellt hatte.
„Und?“
„Sie fanden mehr Leichen.“
„Wie viel mehr?“
Hans hob seinen Blick und sah zu den anderen Pavillons.
„Bisher haben wir sieben weitere Leichen entdeckt.“
Hans schluckte schwer. „Sieben?“
„Ja, aber wir suchen noch.“

Aus Kapitel 3 (>Chucco<):

Leise klimpern die Münzen zurück in den Metallbecher, der vor mir auf dem Boden steht.
„Hey Chucco!“ flötet eine Stimme.
„Hey Lissie!“ grüße ich zurück.
Ich zähle zu Ende und hebe den Kopf. Ihre Augen funkeln mir entgegen.
„Hier.“
Sie reicht mir einen dampfenden Papierbecher.
„Kaffee für Dich.“
Sie lehnt sich gegen die Hauswand und lässt sich neben mich auf den Boden sinken. Im Schneidersitz hält sie einen zweiten dampfenden Becher in der Hand. Sie linst in meinen Metallbecher.
„Wow. Fette Ausbeute!“
Ich lache hohl.
„Ja. Naja. Fünfzehn Euro. Es reicht auf jeden Fall für ein Abendessen. Ich war spät dran heute.“
„Ist mir aufgefallen. Bleibst Du noch?“
„Ja.“ Ich sehe zu einer roten Neonanzeige, die die Uhrzeit anzeigt. „Die Geschäfte haben noch eine halbe Stunde auf.“
„Gut.“ Sie kuschelt sich an meine Seite und kramt eine Zeitung aus dem Innenleben ihrer Militärjacke, die zwei Nummern zu groß ist.
„Wie lief Dein Tag?“
„Kaffee.“ Sie hebt den Becher hoch. „Und eine Zeitung.“
Ich lache leise. „Mehr nicht?“
„Keine Lust heute. Außerdem habe ich mit den anderen gequatscht.“
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
„DEN anderen? Oder einem bestimmten anderen?“
Sie knufft mich in die Seite.
„Du bist doof!“
Lissie ist jung. Viel zu jung für die Straße. Doch es gibt viele junge Obdachlose in Köln. Normalerweise sammeln sie sich auf der Domplatte, weswegen ich es vermeide, dort zu sitzen und es Lissie immer wieder dorthin zieht.
Meine Knochen schmerzen vom Regen und der Kälte. Ich hebe den dampfenden Kaffeebecher hoch. Der wohltuende Geruch zieht in meine Nase.
„Wow. Es gibt schon wieder einen tollen neuen Hollywoodfilm!“ Die Seiten der Zeitung rascheln, als sie sie durchblättert.
„Oh. Und hier. Horoskope. Welches Sternzeichen bist Du?“ Ihre funkelnden Augen blitzen mich an.
„Netter Versuch, Kleines.“ Ich schmunzle.
Sie verdreht die Augen. „Dann nicht.“
Lissie und ich trafen uns vor zwei Jahren in München. Sie war von zu Hause weggelaufen. Über die Gründe wollte sie nicht reden. Und ich habe nicht weiter nachgefragt. Das Gefühl, etwas für immer hinter sich zu lassen, kenne ich nur zu gut. Als mich wieder diese Ruhelosigkeit überkam und ich überall ihre Gesichter sah, war es Lissie, die auf die Idee kam, nach Köln zu gehen. Sie fand es ‚cool‘. Ohne eine weitere Diskussion schleifte sie mich zwei Minuten nach dem Gespräch zum Bahnhof, kaufte zwei Tickets und verfrachtete mich in den Zug.
Lissie bekam, was sie wollte. Immer. Es war lange her, dass ich einen Menschen so nah in mein Leben ließ. Doch wie schon gesagt, was Lissie wollte, bekam sie auch. Und Lissie war nicht gern alleine. Sie brauchte das Gefühl, dass da noch jemand bei ihr war. Und ich genoss, dass sie mich dafür ausgewählt hatte. Ich hatte das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu können.

Aus Kapitel 10 (>Rosalie<):

Die Erkenntnis des Abends ist wohl, dass Tom sich gerne selber reden hört. Ununterbrochen sondert er Weisheiten und Anekdoten von sich und seinem ach so tollen Leben ab. Na gut, das war irgendwie auch zu erwarten. Schließlich ist seine Selbstverliebtheit ziemlich offensichtlich. Der liebe Gott hat ihn mit sehr guten Genen verwöhnt. Ein Unfallchirurg, der gut aussieht, nicht auf den Kopf gefallen ist und äußerlich sehr viel Ähnlichkeit mit einem Schauspieler hat, der – wie sollte es anders sein – einen Chirurgen in einer beliebten Arztserie spielte. Innerlich seufzend strahle ich ihn weiter unablässig an, während wir auf meiner Couch sitzen und das Feuer im Kamin knistert.
Dafür, dass er das gesamte letzte halbe Jahr sich mächtig ins Zeug gelegt hatte, um die Neue – mich – endlich um den Finger zu wickeln, ließ er es heute Abend erschreckend ruhig angehen. Zu ruhig für meinen Geschmack.
Eigentlich gibt es nur zwei Gründe, warum ich mich nach seinen ganzen Avancen schließlich zu diesem Date bereit erklärt habe. Zum einen ist in wenigen Wochen der Ball der Ärzte unseres Krankenhauses und zu dem will ich nicht ohne Begleitung gehen und zum anderen… was soll ich sagen. Eine Frau hat eben auch Bedürfnisse.
Ich streife mit den Händen über meine Knie. Schiebe den Rock etwas höher. Unbeabsichtigt. So sieht es aus. Doch ich will, dass es hier endlich weitergeht. Es ist langsam Zeit. Schon ziemlich spät geworden. Und reden kann er ja woanders auch. Bei einer seiner Krankenschwestern zum Beispiel. Der Trick funktioniert. Tom’s Blick fällt auf meine Beine. Und meine Hände. Er rutscht unruhig auf seinem Sitz. Fängt sich wieder und hält mir sein leeres Glas hin.
„Hättest Du vielleicht noch ein Glas Wasser?“
Mit einem Lächeln überspiele ich meine Enttäuschung.
„Klar. Gerne.“
Ich stehe auf, nehme sein Glas und gehe in die Küche, um eine weitere Flasche zu öffnen und ihm einzuschenken. Unbeobachtet von ihm, im anderen Raum, verdrehe ich die Augen.
Als ich wieder zurück ins Wohnzimmer komme, steht er an der Glasfront zum Garten.
„Du hast wirklich ein schönes Haus.“
„Danke. Hier Dein Wasser.“
Ich reiche ihm das Glas und folge seinem Blick in den ver-schneiten Garten. Ich liebe den Schnee. Es funkelt und glitzert überall.
„Ist schon spät geworden.“ meint Tom.
„Ja. Das stimmt. Möchtest Du gehen?“
„Möchtest Du, dass ich gehe?“
Na endlich!!! Wir kommen zur Sache.
„Du musst nicht, wenn Du bleiben willst.“
Ich trete näher an ihn heran. Fingere an seiner perfekt gebundenen Krawatte.
Als ich ihm in die Augen sehe, bemerke ich, dass er abgelenkt ist und angestrengt nach draußen schaut.
„Ist irgendwas?“
Ich folge seinem Blick. Und tatsächlich. Da ist jemand im Garten. Hinter dem Abstellraum erkenne ich Beine, die zu einer Person am Boden zu gehören scheinen.
Augenblicklich lasse ich von Tom ab und öffne die Schiebetür, die in die Glasfront eingelassen ist.
Etwas ungelenk stolpere ich mit meinen hochhakigen Schuhen über den Rasen zum Schuppen. Tom folgt mir.
Und da ist tatsächlich jemand. Er sitzt gegen die Tür gelehnt im Schnee. Die Beine von sich gestreckt. Bleich. Sofort fühle ich nach seinem Puls am Hals.
Er lebt. Aber sein Puls geht schwach. „Wer ist das?“ fragt Tom.
„Keine Ahnung. Ein Obdachloser, nehme ich an.“
Seine Kleidung ist alt und zerschlissen. Zudem mit Sand und Dreck überzogen.
„Hier. Nimm meine Jacke.“
Er zieht sein Jacket aus und legt es mir um die Schulter.
„Wir müssen ihn reinbringen.“ sage ich entschlossen.
Tom sieht mich mit großen Augen an.
„Reinbringen?“
„Ja. Er holt sich noch den Tod in der Kälte.“
„Ruf doch die Kollegen an. Die können einen Krankenwagen schicken und sich um ihn kümmern. Wir wollten doch…“
„Ist das Dein Ernst?“ ich sehe ihn durchdringend an.
„Nun… ich mein ja nur. Er braucht Hilfe. Da sollten wir doch…“
„Wir können sie immer noch anrufen, wenn er erst mal im Haus ist. Wir sollten ihn auf die Couch legen, vor dem Feuer, damit sein Körper sich wieder aufwärmt.“
„Auf Deine Couch? Ach Süße, mach Dir nicht so viel Arbeit mit ihm. Wenn Du die Kollegen rufst, dann sind sie doch auch…“
Doch weiter kommt er nicht, da ich schon ziemlich unbeholfen versuche, den Fremden hoch zu heben (ich erwähnte die unpassenden Schuhe, oder?).
„Ja, okay. Warte, ich helfe Dir.“
Zu zweit bekommen wir ihn mit den üblichen Handgriffen schnell in die Höhe. Und Leben kommt in den Körper.
„Hey! Nicht anfassen.“ brummelt er.
„Schon gut. Wir bringen Dich nur ins Haus, dann rufen wir einen Krankenwagen.“
Mit einer unerwarteten Bewegung löst er sich aus unseren haltenden Griffen und will wohl losstürmen, doch sein Körper versagt und sackt in sich zusammen.
„KEINEN KRANKENWAGEN.“ brüllt er immer wieder. Unterbrochen nur von Hustenanfällen.
„Siehst Du, er will sich nicht helfen lassen. Lass das doch die Kollegen regeln.“ sagt Tom.
Ich knie mich vor dem Obdachlosen in den Schnee.

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